Keiji Nakazawa – Barfuß durch Hiroshima (Kinder des Krieges, Band 1)


Keiji Nakazawa überlebte 1945 den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. „Barfuß durch Hiroshima“ handelt von der Zeit vor und nach dem Abwurf. Der Comic erhielt 2006 den Max-und-Moritz-Preis des Comic-Salons Erlangen in der Kategorie „Bester Manga“. Am 19. Dezember 2012 starb Nakazawa an Lungenkrebs, wohl eine Spätfolge des Atombombenangriffs. Ein Anlass, sein Meisterwerk (nochmal) zu lesen.

Eines vorneweg: Die Atombombe Little Boy wird erst nach 250 Seiten von Band 1 „Kinder des Krieges“ abgeworfen.
Auf den Seiten zuvor lernt man ein Kriegsjapan kennen, wie es nicht in den Schulbüchern steht: Hunger hat das Land fest im Griff, die Bevölkerung lebt von dem wenigen, was die Böden hergeben. Reis ist eine Mangelware, Geschwister streiten sich um eine rohe Kartoffel. Gleichzeitig wird von der Regierung Druck auf die Bevölkerung ausgeübt, was die üblichen Verdächtigen – selbsternannte Hüter von Recht und Ordnung, Gemeindevorsitzende, Lehrer, Polizisten und Militär in der Etappe – zu ihrem eigenen Vorteil und zur Pflege des eigenen Egos ausnutzen.
Die Hauptfigur, der sechsjährige Gen, das alter Ego des Autors, lebt mit seinen Geschwistern und seinen Eltern in ärmlichen Verhältnissen. Die Familie stellt die traditionellen Geta (japanische Holzsandalen) her.
Vater Nakaoka spricht sich öffentlich gegen den Krieg aus. Er lehnt die Speerübungen des Gemeinderates, eine japanische Version des Volkssturms, als sinnlos ab. Kurz darauf wird er verhaftet, die Kinder werden in der Schule drangsaliert und verleumdet. Kritik am Krieg oder am Kaiser und den herrschenden Schichten ist in der japanischen Gesellschaft mehr als verdächtig, sie gilt als Verrat.
Der älteste Sohn Koji meldet sich freiwillig zur Luftwaffe um den Ruf der Familie wiederherzustellen. Aber auch hier herrscht Repression, die Jungen werden zu blindem Gehorsam gedrillt. Die Erziehungsmethoden dieser Zeit kann man allgemein ruhigen Gewissens als „handfest“ bezeichnen.

Als 6. August 1945 um 8:15 Uhr die Atombombe über Hiroshima abgeworfen wird sterben innerhalb von Sekunden 80 000 Menschen sofort. 80 000 – 160 000 weitere Menschen sterben an den Spätfolgen.

Ab hier zeichnet Nakazawa mit schonungsloser Direktheit das Grauen – schmelzende Haut, verbrennende Menschen und Leichen wohin man tritt.
Gens Vater, seine große Schwester und sein kleiner Bruder kommen im brennenden Haus ums leben. Die schwangere Mutter bringt kurz darauf unter den Eindrücken mit Gens Hilfe ein Baby zur Welt.

2004 erschienen die zentralen Teile von Nakazawas Werke in vier Bänden bei Carlsen. Die übrigen sechs Bände liegen nur in französischer und englischer Sprache vor.

Art Spiegelmann, der Autor von Maus, schreibt in seinem Vorwort zu Barfuß: „Das Trauma der Bombe wird un Barfuß mit schonungsloser Direktheit thematisiert“.

Der Zeichenstil – Schwarzweiß-Panels, saubere Zeichnungen – erinnern stark an andere Mangas. Gerade der Kontrast zwischen den doch amüsanten Zeichnungen gegenüber den grauenvollen Szenen machen den Comic beeindruckend. Tief ergriffen ist man, wenn man sich vor Augen hält, dass es sich hierbei nicht um Fiktion, sondern wahre Erlebnisse handelt.

Nicht nur für Atombombengegner und solche, die es werden wollen: Keiji Nakazawa – Barfuß durch Hiroshima

Ein Trailer zum Film


Laut WordPress ist das hier der 100. Beitrag. *Tusch*


Subjektive Bewertung:

Jaques Tardi – Grabenkrieg


Gekauft habe ich das Meisterwerk Grabenkrieg (im franz. Original C’était la guerre des tranchées) in einem Berliner Comic-Laden schon vor einigen jahren für 22 Euro (Preisschild ist noch hinten drauf). Ich hatte lange überlegt, ob ich mir den Comic wirklich leisten soll oder aus der Grabbelkiste ca. 10 Comics, die auch nicht uninteressant schienen.
Heute stellt sich die Frage nicht mehr – es ist einer meiner absoluten Lieblingscomics, ob oder vielleicht gerade weil Tardi den brutalen Wahnsinn des Krieges deutlich zeichnet und erzählt.

In Grabenkrieg verarbeitet Tardi die Erlebnisse seines Großvaters im ersten Weltkrieg. Dem Großvater ist der Comic auch gewidmet. Fachliche Unterstützung erhielt Tardi von Jean-Pierre Verney, einem rennomierten Historiker mit Schwerpunkt Ersten Weltkrieg.
2011 erhielt Tardi den Eisner Award, unter anderem in der Kategorie Best Reality-Based Work (beste, auf einer Realität basierendes Geschichte).
Die Zeichnungen unterstützen die tristen Szenarien, sie sind detailliert in schwarz-weiss. Alltägliche Grausamkeiten, Brutalität und die Sinnlosigkeit des Krieges werden in einer selten erreichten Dichte dargestellt.
Das macht einen betroffen, nachdenklich und zum Pazifisten.

Besser als jeder Antikriegs-Film: Tardi – Grabenkrieg

Subjektive Bewertung:

Art Spiegelmann – Maus – Die Geschichte eines Überlebenden

Lange vorgenommen, jetzt endlich mal gemacht: Art Spiegelmann – Maus gelesen.
Hätt ichs mal besser gelassen.

Ich glaub den Inhalt lange darzustellen kann ich mir sparen, das macht Wikipedia schon sehr gut (s.u.).
Spiegelmans Vater Wladek, ein Holocaust-Überlebender, erzählt seine Geschichte. Wie er im Krieg polnischer Soldat war, wie er in Kriegsgefangenschaft gerät, die Judenverfolgung, Auschwitz bis zur Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Erzählt wird die Geschichte als Fabel: Juden sind Mäuse, Nazis Katzen, Polen Schweine, Franzosen Frösche usw.
Die Zeichnungen sind schwarz-weiss und der Zeichenstil eher einfach.
Der Comic wird seit seinem Erscheinen von der Kritik hoch gelobt; 1992 wurde Spiegelman mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Warum ichs besser gelassen hätte: mir ist immer noch ein bisschen schlecht, weil die Grausamkeit und die Unmenschlichkeit der Judenverfolgung und des Holocaust sehr plastisch dargestellt werden. Nicht belehrend wie in vielen Büchern, nicht reißerisch wie in vielen Filmen – still und nachdrücklich und vor allem sehr sehr menschlich. Das ist definitiv kein Comic aus der Reihe „mal eben eine kleine Unterhaltung“. Man sollte ihn in der Schule im Geschichtsunterricht einsetzen – ich bin mir sicher, das wäre mal eine sehr nachhaltige Lektüre.

Als Anmerkung: die im Feuilleton häufig gestellte Frage: „Darf man die Geschichte des Holocausts in Form eines Comics erzählen?“ kann ich nur mit der Gegenfrage „Ja verdammt, warum denn nicht? beantworten. Comic heisst ja nur, dass Bilder eine Geschichte erzählen, oft begleitet von Text. Also irgendwie eine Mischung aus Film und Buch.
Und dass es geht weiss man spätestens seit Spielegmann.

Mehr Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Maus_%E2%80%93_Die_Geschichte_eines_%C3%9Cberlebenden

Das kauft man nicht nur dem 15-jährigen Comic-Leser & Doofe Onkelz-Hörer: Art Spiegelman: Maus – Die Geschichte eines Überlebenden

Gon

Gon
Klassischer Fall von „Na, ob das was taugt?“.

Ja, das taugt was. Gon ist ein kleiner Dinosaurier mit unglaublichen Kräften, der mit anderen Tieren Abenteuer erlebt.

Im Comic gibt es praktisch keinen Text – die ganze Handlung wird in schwarz-weißen Bilder erzählt. Und das ist kein Verlust oder Hindernis. Durch die wirklich großartigen Zeichnungen von Masashi Tanaka geht nicht nur nichts an der Handlung verloren – man entdeckt immer neue Details.
Gon, der kleine Dino, ist ein garstiger kleiner Kerl, der immer erst einmal die Beobachterrolle einnimmt, um das Verhalten der anderen Tiere zu betrachten. Und sich dann umso vehementer einzubringen. Dabei scheut er auch nicht vor dem heftigen Quälen des Löwen oder anderer Tiere zurück. Im Laufe der jeweiligen Geschichte erkennt man dann, warum Gon das macht. Und schließt ihn ins Herz.

Ganz besonders begeistert bin ich von den Zeichnungen von Gon selbst – er sieht einfach garstig aus.
Für Gon gab es mehrere Auszeichnungen, zum Beispiel 1998 den Eisner Award in der Kategorie Best U.S. Edition of Foreign Material.
Mehr über den Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Masashi_Tanaka (leider nicht viel mehr)
Die Geschichte „Gon and his Adventures with a Lion“ kann man legal online ansehen, die Scan-Qualität ist allerdings nicht besonders: http://madcool.com/mc/comics/gon/l1.htm

Kaufen, aber sowas von: Gon, Band 1

Alle erschienen GON-Bände